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Der Größenwahn

Es war einmal ein Größenwahn,
der nahm groteske Formen an.
Er wollte hoch und höher,
es war nicht mehr geheuer,
er nahm das Leben, wie es kam:
als Abenteuer.

Es war einmal ein Größenwahn,
dem niemand mehr den Eifer nahm.
Er zielte über sich hinaus,
es war kaum zu fassen:
keiner macht’ ihm den Garaus,
alles trübe Tassen !

Es war einmal ein Größenwahn,
dem Stapeln stets zu Hilfe kam.
Ein Stapel hoch, noch einer drauf,
gestapelt ist die Größe,
voll Machtgier ist der Dauerlauf,
wer gibt sich hier schon Blöße?

Es war einmal ein Größenwahn,
der konnt es nie verkraften,
dass andere den Lebensplan
auch ohne Größe schafften.
Er selbst war winzig gar und klein,
der Niedrigste von allen,
doch wollt er immer besser sein,
jedermann gefallen.

Es ging so manches Jahr um Jahr,
die Stapel wurden klarer.
Er dachte, er sei wunderbar
und immer wunderbarer….
Bis eines Tages er begriff,
er war nie, wer er ist:
Er stürzt vom höchsten Lebensriff
ganz einfach in den Mist.

Presse

Was die Presse berichtet:

 

Frankfurter Rundschau, 1982, Datum nicht mehr bekannt, aus "Mit Geige und Querflöte gegen anonymen Beton":

..... Ähnlich vielschichtig sind auch die Texte, die durch Originalität ansprechen und eine Fülle von Assoziationen und Interpretationen zulassen. Lieder gibt es von wirklichen (im "Stricher-Lied") und von symbolischen Menschen ("Der Mann vor der Mauer, an der er nicht vorbeikommt"). Der Stadtwald wird mit dem Scheinwerfer durchsucht, einzelne Szenen werden vorgestellt, die sich zu einem unvollständigen Puzzle zusammensetzen.
Manfred Steinbrenner weist keine konkreten inhaltlichen Alternativen auf, aber er macht Mut zu menschlichen Gemeinsamkeit, um den anonymen Beton und das anonyme System der Institutionen zu ertragen. "Wer braucht hier wen?", heißt ein Songtext, und die Antwort kann nur lauten: Wir brauchen uns gegenseitig. .....

 

MID-Nachrichten, 02/1985, aus "Der Dada Dausendsassa":

..... Dass der bleichen Masse Einfalt durch partiell auftretende Vielfalt Einzelner nicht aufgehoben werden kann, ist ebenso klar, wie traurig. Dass der Neon-Konservatismus in unserer Hemisphäre die musisch Schaffenden heimsucht, ist leider auch kein Hirngespinst; im Gegensatz zu der Vokabel "entartet", die im Begriff ist, sich wieder in die Kleingehirne mancher Großkopferten einzuschleichen.
Desto größer ist die Freude, wenn man unvermittelt auf einen freien Geist trifft, der Form und Inhalt brillant vernetzt und die allerorts sprießende endzeitliche Weinerlichkeit in Lachtränenmeeren ersaufen läßt. Ein solcher Mensch ist Manfred Steinbrenner, lebhaftigst wirkend zu Frankfurt am Main. Steinbrenner wirkt multimedial in Wort, Bild und Ton. Seine DaDa-Gedicht-Geschichten weisen ihn als virtuosen Sprachkünstler aus, der es versteht, traditionelle dadaistische Stilmittel nicht nur postadeptisch zu gebrauchen, sondern ihnen neue Aktualität zu verleihen, indem er lustvoll-anarchistisch und polemisch die politische und alltägliche Gegenwart seziert. Vergleiche mit Ringelnatz und Busch sind angebracht. Steinbrenner ist der Begründer des Neon-Dadaismus, dessen 1. Manifest in den Dschungelblättern des Alban Nikolai Herbst zu lesen sind. Die Vorbereitung für Steinbrenners Ein-Mann-Busch-Dada-Show laufen auf Hochtouren. Dabei lehnt er sich, zwecks Förderung des lustvollen Umgangs mit der Kunst, an Wedekinds Schauspieltheorie an. .....

 

Vaterland, 7.4.1986, Ausstellung "Sitzgelegenheiten" bei Mobilia, von Thomas Schärli, aus "Wir bleiben sowieso sitzen":

..... Mit einer Neon-Dada-Show des deutschen Sprechkünstlers, Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Dr. Manfred Steinbrenner, wurde die Ausstellung fulminant eröffnet.
Dada, die Sprach- und Bildkunst, die 1916 in Zürich erstmals auftrat, versucht mit extrem expressionistischen Mitteln der Kunst wieder Raum zu verschaffen, mit dem "Ohnesinn der Worte" sollte einem unsinnigen und unsensiblen Gebrauch der Sprache vorgebeugt werden. Im Mittelpunkt dieser Kunstform stand wieder Ausdruck, Wort, Bild und Ton werden zum Ganzen gefügt, Rhythmus wird wichtig, Verse werden wieder geschrieben. Manfred Steinbrenner hat den Neon-Dada gegründet, um gegen die fortschreitende sprachliche und bildliche Verarmung der heutigen schematisierten Welt anzutreten. Und er brilliert dabei mit blitzgescheiten Einfällen, mit brillant vorgetragenen Gedichten und Liedern, bei ihm wird der Ton, jedes Wort wird zum phonetischen Ausdruck. Form und Inhalt sind deckungsgleich.
Und was Manfred Steinbrenner aus dem scheinbar banalen Thema "Sitzen" gemacht hat, das ist schlichtweg großartig. .....

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Solothurner Zeitung, 7.4.1986, Vernissage bei Mobilia Solothurn, aus "Setz-Zwiebeln sind wir alle":

..... Neon-Dada - Für die Eröffnung ihrer Ausstellung hatte Mobilia den Literaturwissenschaftler Manfred Steinbrenner aus Deutschland geholt. In seiner Heimatstadt Frankfurt ist er als Begründer des Neon-Dadaismus bekannt; einer Art neuem Dadaismus in Anlehnung an die literarisch-künstlerische Bewegung in der Zeit während und nach dem Ersten Weltkrieg. "Die kleinen Dinge des Lebens, Genauigkeiten der Blicke und Worte sind heute zugunsten einer 'Überwelt' der Technik fast aufgegeben worden", sagt Steinbrenner. Wo das Lachen in Vergessenheit geraten sei, dort beginne Neon-Dada seine spielerische Umformung der Welt.
Mit einem wortgewaltigen Repertoire an Dada-Geschichten und -Liedern und vielen lustigen Einfällen unterhielt der Künstler ein amüsiertes Publikum. Grossen Anklang fanden natürlich sein Sitz-Blues und seine Gedichte, die er eigens für die Ausstellung gemacht hatte. Wie ein Artist im Zirkus balancierte, jonglierte und triumphierte der Wortschöpfer mit der Wortfamilie "Sitzen". Ein Exkurs in die "sitztinische" Kapelle, mit einem "Sit-in" von Engeln, war ebenso amüsant in seiner Sprachspielerei wie die Geschichte vom Kind, das sitzengeblieben war, und von der Frau, die ihren versetzten Mann sitzen liess.
Von den Setz-Zwiebeln, vom Sitzfleisch, dem Besitzlosen und dem Regierungsratssitz bis zu jenen, die einen sitzen haben - die Skala der Wortverwandtschaften schien fast unbegrenzt und wurde von Manfred Steinbrenner gekonnt-pointiert verflochten.
Dass ausgerechnet bei diesem "Sit-in" die Sitzgelegenheiten für die vielen Besucher nicht ausreichten, war wohl ein pikanter Zufall. Mit Steinbrenner fragten sich deshalb wohl die Stehengebliebenen: "Wenn wir nicht zwischen den Stühlen sitzen wollen, wo dann?". Und wer sich vor Beginn der Show einen Stuhl gekapert hatte, merkte sich dafür: "Gut gesessen ist halb gewonnen" oder "Wir man sich rettet, so sitzt man"! .....

 

Pflasterstrand, "Gibts noch Freaks?", 02/1990:

In Frankfurt gibt es einen Laden und drinnen sitzt der Manfred. Manchmal. Wenn nicht, wechselt er gerade die Welten und versucht, zwischen ihnen zu leben. Manfred, 38, studierter Germanist und passionierter Dadaist, kauft in anderen Welten Kunst ein und verkauft sie in seinem Laden. Fernöstliche Gegenstände aus Thailand, Indonesien, Bali und Java, zu jedem Stück weiß er eine Geschichte. Immer, wenn er auf Einkaufsreise ist, wechselt er die Welten, wie er sagt. Wenn ihn jemand fragt, warum er so viele Masken in seinem Laden habe, dann antwortet Manfred: "Weil's schöner ist, als in der Straßenbahn zu fahren". Er sagt "Ihr nehmt das Leben viel zu bitter und habt es nicht einmal gesehen". Und "Wer nicht neurotisch ist, der ist nicht normal".
Und über seine Situtation im Laden: "In der Mitte eines Sumpfes sitzt die Kröte brütend still, fragt sich stündlich und auch täglich, ob ihr Kundenstamm sie will". Manfred zu interviewen ist unmöglich. Spätestens nach der Antwort "Der Mittelweg ist immer die Utopie, und die Utopie kann man selbst machen", stellt sich die Frage nach der Erklärbarkeit des Freaktums. Ist Manfred ein Freak?

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Dr. Roswitha Obermann, Vorwort zu "Visionen eines modischen Kleinteufels", 1991:

..... Seine Visionen reflektieren eine bedrückende Realität und ent-larven sie. Die Larven, Ethik zum Beispiel oder auch Moral, Kultur und Politik, werden der bürgerlichen Schwäche von den schmalen Schultern genommen und anderem, tragbaren Material (Gummibärchen, Künstlern und Eichhörnchen - mit und ohne Bartbinde -, Gold, Schrott und Puffmaisflocken) zugeführt. Auf diese Art wird das Leben als Wirklichkeit sichtbar, erkennbar als ein grenzenloses und gleichzeitiges Gemisch von Worten, Geräuschen, geistigen Rhythmen und Farben, von Alltags- und Sonntagserfahrungen.
Ist Dada Ausdruck reiner Kunst, so muss Neon-Dada leuchtend-reine Anschauungskunst sein. Mit raffinierter Naivität verweisen des Herren Kleinteufels Visionen - das heißt: Traumgesichte und Masken - auf die nur noch als Zerrbild ihrer selbst vorhandene bürgerliche Ordnung mit ihrer vermeintlichen Rationalität.
Steinbrenners Neon-Dada hat die antibürgerliche Tendenz des Dadaismus auch auf sozialem Gebiet hinter sich gelassen. Schrankenlos-virtuos ist seine künstlerische Anarchie, letzlich aber doch als Ausdruck von Liebe, Lust und Leiden verstehbar.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05/1994, von Jürgen Dahlkamp, "Frankurter Gesichter: Manfred Steinbrenner":

Keine Nickelbrille. Kein Zopf. Unbedingt hätte man einen Zopf erwartet von einem, der Buddhist ist, Dada dichtet, Folkrock zupft und vorn lichtes Haar hat. Wer kann das schon von sich sagen: befremdet als Elfjähriger den alten Herrn mit einem Zimmeraltar, will mit zwölf Dichter werden, übersetzt mit 13 Bob Dylan, studiert drei Fächer: Germanistik, Amerikanistik, Mittelhochdeutsch, und drei nebenher, Ethnologie, Pädagogik und Deutsch-Didaktik. Mit 31 Jahren hat Manfred Steinbrenner promoviert, über ein Thema, nach dem die zahlreichen Arbeitgeber für Germanisten geradezu lechzen: "Anarchismus, Kulturkritik und christiliche Mystik - Hugo Balls 'Konversion'". Danach zieht er mit drei Kilo Zinkplatten über Bali, macht Radierungen und Erkundungen, reist immer wieder nach Südostasien, kauft dort Kunst und läßt sich endlich nieder in einer Nische mit bürgerlicher Existenzberechtigung: Erst neun Jahre in Bornheim, jetzt seit sieben Monaten an der Braubachstraße in der City. Hier hat er seine "Eurasia-Galerie", offeriert vergoldete Buddhas aus Burma und graue Steinköpfe von Java, Amulette aus Thailand und Schattenfiguren von Bali.
Mit 42 hat er also eigentlich den Idealzustand eines Spätachtundsechzigers erreicht: Etabliert mit Doktorgrad, aber von einer Profession, so exotisch, dass er jetzt selbstgerecht schwadronieren könnte, warum sich alle verkauft haben, nur er selbst nicht. Wie gut könnte er sich einrichten als Esoteriker, Intellektueller, guter Linker, der sich selbst nichts, allen anderen aber alles vorzuwerfen hat.
Aber der Mann trägt nun mal Unterhemden und ein paar Anschauungen mit sich herum, die sich sperren gegen Klischees. Dass er lauthals-hemmungslos lacht, dann wieder Unsicherheit über sich selbst verrät, ist dabei nur Vorbote einer gesunden Durchschnittlichkeit, die jeden Verdacht von Überheblichkeit im Ansatz erstickt und als Gegenpol zur atemberaubenden Vita die innere Spannung dieses Menschen ausmacht. "Es muss doch auch möglich sein, etwas Außergewöhnliches zu machen, ohne gleich alles hinter sich abzubrechen, ohne auf alles kontra zu geben", sagt er, und dass der Mittelweg auch etwas für sich hat. Die Abnabelung von den engen bürgerlichen Verhältnissen der Bornheimer Kindheit hat er nicht geschafft und nicht gewollt. Ganz aus Frankfurt wegzugehen, ganz in Südostasien leben, wo er fünf der letzen elf Jahre verbracht hat? "Nein, könnte ich nicht, schon allein, weil ich mich um meine Eltern kümmern will". Und das Geschäft wieder aufgeben, den Niederungen des Kommerzes entfliehen, zu den lichten Höhen der Poesie, seiner Vorträge an der Universität, seines Gitarrenunterrichts? "Nein, das macht mir doch auch unheimlich Spass". lacht und erzählt, wie neulich vier Thais in seinen Laden kamen und wissen wollten, wo sie Kuckucksuhren kaufen können. "Denen habe ich in ihrer Sprache den Weg nach Freudenstadt beschrieben". Er meditiert nicht mal und bedient seine Kunden auch nicht mit verklärtem Blick. Als die Frau mit der Frage in den Laden kommt, ob er auch Miniatur-Eulen hat und woher die kommen und was sie kosten, begrüßt er sie mit einem herzlich-kräftigen "Jawoll" und einer Betriebsamkeit, als gehe es um den Beginn einer wunderbaren Freundschaft, und nicht nur um fünf Mark.

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1994, Michael Neuner, aus "Hinz und Kunst":

..... Steinbrenner gilt als Erfinder des "Neon-Dada", und der verarbeitet schließlich viel.
Die Fortschreibung des Dadaismus mit Frankfurter Mitteln heißt: die Welt entlarven, ihr die Masken abnehmen. Diese Masken können die Politik, die Moral oder die Ethik sein, auch die sogenannte Anständigkeit oder die Kultur. Das Zusammenbringen von scheinbar Unvereinbarem, die vielen Brüche und scheinbaren Ungereimtheiten lassen, verstehen wir den Dichter richtig, erst den Blick auf das Leben als Wirklichkeit zu. Und die wird auf einmal recht bunt und laut. .....
Doch damit taugt der Dichter kaum für den Gebrauch an hessischen Gymnasien. Lehrer R. aus L. habe im Unterricht, so die zuverlässige Gewährsperson, über ein Steinbrenner-Gedicht mal sinngemäß geurteilt, einen solchen "Schwachsinn" nie zuvor gelesen zu haben. Da hat er aber was versäumt, denn komisch und unterhaltsam ist das Bürgerliche-Masken-Abzobbeln schon. Im "Rasenmäher" etwa, oder, von Weber kongenial im Bernhard-Minetti-Tonfall rezitiert, in "Rottmannsweil", wo die Tage in der Birke kleben bleiben. Da hängen sie gut, wir alle wünschten uns bessere Zeiten.

 

Frankfurter Rundschau, 06.02.1997, aus "Armer Poet verdient sein Geld mit der Kunst":

..... Doch der Kunsthändler stellt nur die bürgerliche Seite einer ganz und gar unbürgerlichen Künstlerexistenz dar. Manfred Steinbrenner ist - wie er selbst sagt - "Neo-Dadaist". Er versteht sich als Wiederbeleber des Dadaismus, einer literarischen Strömung, welche während des Ersten Weltkriegs mit Nonsens-Dichtungen gegen den "Wahnsinn der Zeit" (so damals der Dichter Hans Arp) die Stimme erhob. Gegen das "Sinnmonopol massenmedial normierter Sprache" kultivieren Steinbrenners Gedichte die urkindliche Freude an der Wortneuschöpfung und an der subversiven Verballhornung überlebter Sprachkonventionen.
Kaum weniger als seine Kunst, zeugt Manfred Steinbrenners Biografie vom Außergewöhnlichen. Lange Zeit schlug der Dylan-Fan sich als Gitarrenlehrer durch, tingelte mit der Folkrockband "Stadtwald" herum, schrieb Werbetexte, arbeitete als Universitätsdozent. Vom Erlös eigener Radierungen finanzierte sich der Autodidakt 1982 die erste Reise nach Südostasien, wo er seitdem über ein Drittel seines Lebens verbracht hat. Ohne seiner linksintellektuellen Frankfurter Prägung je abgeschworen zu haben, fühlt er sich heute als Buddhist. Dabei weiß der bekennende Bornheimer, wie sein Inspirator Hugo Ball, bodenständige Lebensfreude mit Spiritualität zu verbinden.
Seine Auffassung von Religiosität, so sagt er, gleiche der von Balls Frau Emmy Hennings: "Zu ihr kam einmal eine sehr vornehme Frau, die unbedingt etwas über Mystik hören wollte. Da ging Emmy zum Grammophon und legte 'Die Beine der Dolores' auf", erzählt Steinbrenner und bricht darüber in ein warmes, schepperndes Lachen aus. .....

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Idsteiner Zeitung (Veröffentlichungs-Datum nicht mehr bekannt), aus "Nonsens hat auch kritischen Biß":

..... Steinbrenner ist exotisch in mehrfacher Beziehung. Er hält sich seit Jahren, wenn er nicht gerade in Frankfurt-Bornheim fernöstliche Kunstgegenstände verkauft, in Südostasien auf, spricht zum Beispiel Thailändisch wie seine Muttersprache, ist aber auch promovierter Literaturwissenschaftler.
Doch daran denkt man am wenigsten, wenn man ihn erlebt. Eher wirkt er wie ein moderner aufmüpfiger Barde, wenn er mal mit seinem Begleiter Bernd Weber im Duett, mal allein rabiat singend und sich begleitend durch die Gitarrensaiten fährt, pantomimisch und vokal ausufert und vor allem den Zuhörer mit einer buten Collage von Sprachfloskeln bombardiert, wo Hochabstraktes neben Banalität steht und Graffitideutsch neben surrealem Blödsinn.
Hat der Zuhörer sich auf ein Sprachbild eingelassen, führt ihn das nächste schon wieder in die Irre. Sinn und Hintersinn heben sich gegenseitig auf, das Ganze erwächst zum surrealen Theater, worin sich Ironie selbst mit Knittelvers auf die Schippe nimmt: "Niemals hat man je begriffen, welchen Ton die Spatzen pfiffen, als sie auf dem Dache saßen, um der Kuh den Marsch zu blasen". Neodadaistisch nennt Steinbrenner, der sich mit Hugo Ball eingehend auseinandersetzte, seinen Stil. Aber der Nonsens hat durchaus gesellschaftskritischen Biß, etwa im "Braubach-Straßen-Song": "Geil, schreit da der Kindermund, tirtt eine Taube zu Tode, Kinderwelt ist kunterbunt, Morden schließlich Mode".
Doch diese Kritik, bei der sich Steinbrenner mit den unbequemen Unruhestiftern Heine, Tucholsky, Walt Whitman, Bob Dylan und John Lennon in einer Reihe sieht, begeht nicht den Fehler, ihrerseits eine vermarktungsfähige Position aufzubauen. "Wer noch etwas bessres glaubt, der kann vier Mark achtzig geben". Es gibt nämlich nichts, dem es nachzujagen lohnt oder das man wie das goldene Kalb umtanzen soll, letztlich handelt es sich, so das neodadaistische Manifest, immer um das "Weißmachen des Umsonsten", das mit schrillen Farben kenntlich gemacht wird.
Ebenso sinnlos ist der modische Zeittrend der Selbstsuche. Man wird sich niemals finden. Und wer wirklich noch an ideale Werte glaubt, den hetzt Steinbrenner derart im sprachlichen Parforce durch ein Kaleidoskop abgestandener Klischees, dass einem Hören und Sehen vergeht und vielleicht - ähnlich wie für den von seinem Meister geprüften Zenschüler - furchtbare Verwirrung zurückbleibt.
Da schimmert etwas Buddhismus, der Grundüberzeugung Steinbrenners, durch. Also keine No-future-Einstellung, sondern eher ein tief verwurzeltes "Dennoch", das allerdings wiederum der jüdischen Mentalität entstammt: "Wir sollten niemals den Schlüssel für die Fragen verlieren".

 

Programm Stalburg-Theater, 11.12.2000, von Michael Herl, Steinbrenner + Weber, "Aus den Hoch-Tiefen der Liebe! - Ein Weißmachen des Umsonsten mit schrillen Farben":

Was sie geben, die beiden? Fragen Sie bitte nicht. Noch niemand, der Steinbrenner fragte, was er denn macht, hat eine erschöpfende Auskunft erhalten.
Manfred Steinbrenner, ein hochinteressantes Etwas zwischen promoviertem Dada-Forscher, Eurasia-Galerist, Musiker und Dichter (übrigens auch Textdichter dreier Lieder des aktuellen Programms von Anton Le Goff), einer der skurilsten Köpfe dieser Stadt, er wird zusammen mit seinem Partner Bernd Weber gewiß nicht nur reine Dada-Texte á la Jolifanto bambla absingen. Nein, gewiß wird er selbst Gedichtetes geben. Vielleicht Sachen wie "Niemals hat man je begriffen, welchen Ton die Spatzen pfiffen, als sie auf dem Dache saßen, um der Kuh den Marsch zu blasen". Dazu wird er auf der Gitarre spielen und möglicherweise kleine, spitze Schreie ausstossen, und Bernd Weber wird da sitzen.
Und beide werden in unglaublicher Zeit solch ein unglaubliches Feuerwerk an Sätzen, Versen, Tönen und Geräuschen fabrizieren, dass man meint, das alles könne gar nicht wahr sein. Ist es aber - und in seiner Gesamtheit sogar genial.

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